Bonn, den 10. Oktober 2011
Einladung zum Semesterprogramm
Liebe Vereinsgeschwister,
Das kommende Wintersemester steht unter dem Motto „Märchen, Sagen und Legenden“. Wo kommen all jene Mythen her, die immer wieder unseren Alltag begeistern? Was macht den Charme aus, mit dem uns diese Geschichten in ihren Bann ziehen?
Märchen, Sagen und Legenden - Da denken wir herkömmlicherweise an die Gebrüder Grimm, die Nibelungensage und zum Beispiel an die Legende vom Heiligen Nikolaus. Unser Ziel dieses Semesters wird es sein, diese Klischees zu bedienen, aber darüber hinaus auch ein Augenmerk auf regionale Sagen und Mythen zu legen und ebenso den Einfluss ihrer auf uns selbst und unser Umfeld zu reflektieren. Einerseits wollen wir es uns bei Met und Märchen gemütlich machen, andererseits noch mehr wissenswertes über die Entstehung und Hintergründe dieser fabelhaften Erzählungen erfahren.
Der erste Programmpunkt zum Semesterthema ist eine Märchenwanderung entlang des „Kölner Sagenweges“. Des Weiteren wird der bei diversen Flambergveranstaltungen oft und gern gesehene Dirk Peters, Vorsitzender des K.St.V. Flamberg im KV, die Geschichte Belgiens passend zu unserem Semesterthema unter der Fragestellung „Belgien - ein Märchen?“ beleuchten. Zwei Tage später wollen wir die Ausstellung im Stadtmuseum Bonn „Wenn Scheherazade erzählt – Märchen aus 1001 Nacht“ besuchen, bei der wir auch einen Einblick in die abendländische Märchenkultur gewinnen werden. Bei unserem mittlerweile im Programm fest verankerten Hausvortrag stellen Svenja, Ralf und Eva unser Semesterthema aus dem Blickwinkel ihrer jeweilige Studienfächer vor. Auch die ernsthafteren und eventuell ungemütlichen Themen wollen wir nicht außer Acht lassen. So freuen wir uns sehr über zahlreiches Erscheinen bei dem Abend mit Sylvia Cordie, einer Rezitatorin, Märchenerzählerin und Trauerrednerin aus der Region. Zitat aus dem Programm: „Der Vortrag lädt ein, in die Welt der Märchen mit ihren eigenwilligen Todesbildern einzutauchen und sich mit Herz und Verstand von den existentiellen Fragen nach Leben und Tod betreffen zu lassen.“ Das kann keinen Flamberger kalt lassen.
Natürlich gibt es auch dieses Semester wieder die traditionellen und altbewährten Veranstaltungen: das Regionaltreffen, den Kleinkunstabend, das Weihnachtsessen, das Besinnungswochenende und das Zwiebelkuchenessen. Umrahmt wird das Semester wie eh und je, neben den Konventen, von einem katholischen Anfangs- und einem evangelischen Endgottesdienst.
Wir hoffen unsere Programmgestaltung spricht euch an und bewegt euch zu uns.

Das Seniorenpaar WS 11/12,
Mathias und Eva
Vorgeschmack auf unser Semesterthema
Ausschnitt aus der Vorrede der Brüder Grimm
zu ihrem Sammelband "Kinder- und Hausmärchen"
So ist es uns vorgekommen, wenn wir gesehen haben, wie von so vielem, was in früherer Zeit geblüht hat, nichts mehr übrig geblieben, selbst die Erinnerung daran fast ganz verloren war, als unter dem Volke Lieder, ein paar Bücher, Sagen und diese unschuldigen Hausmärchen. Die Plätze am Ofen, der Küchenherd, Bodentreppen, Feiertage noch gefeiert, Triften und Wälder in ihrer Stille, vor allem die ungetrübte Phantasie sind die Hecken gewesen, die sie gesichert und einer Zeit aus der andern überliefert haben.
Es war vielleicht gerade Zeit, diese Märchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltener werden. Freilich, die sie noch wissen, wissen gemeinlich auch recht viel, weil die Menschen ihnen absterben, sie nicht den Menschen: aber die Sitte selber nimmt immer mehr ab, wie alle heimlichen Plätze in Wohnungen und Gärten, die vom Großvater bis zum Enkel fortdauerten, dem stetigen Wechsel einer leeren Prächtigkeit weichen, die dem Lächeln gleicht, womit man von diesen Hausmärchen spricht, welches vornehm aussieht und doch wenig kostet. Wo sie noch da sind, leben sie so, daß man nicht daran denkt, ob sie gut oder schlecht sind, poetisch oder für gescheite Leute abgeschmackt: man weiß sie und liebt sie, weil man sie eben so empfangen hat, und freut sich daran, ohne einen Grund dafür. So herrlich ist lebendige Sitte, ja auch das hat die Poesie mit allem Unvergänglichen gemein, daß man ihr selbst gegen einen andern Willen geneigt sein muß. Leicht wird man übrigens bemerken, daß sie nur da gehaftet hat, wo überhaupt eine regere Empfänglichkeit für Poesie oder eine noch nicht von den Verkehrtheiten des Lebens ausgelöschte Phantasie vorhanden war. Wir wollen in gleichem Sinne diese Märchen nicht rühmen oder gar gegen eine entgegengesetzte Meinung verteidigen: ihr bloßes Dasein reicht hin, sie zu schützen. Was so mannigfach und immer wieder von neuem erfreut, bewegt und belehrt hat, das trägt seine Notwendigkeit in sich und ist gewiß aus jener ewigen Quelle gekommen, die alles Leben betaut, und wenn es auch nur ein einziger Tropfen wäre, den ein kleines, zusammengehaltenes Blatt gefaßt hat, so schimmert er doch in dem ersten Morgenrot.
Darum geht innerlich durch diese Dichtungen jene Reinheit, um derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen: sie haben gleichsam dieselben blaulichweißen makellosen glänzenden Augen, die nicht mehr wachsen können, während die andern Glieder noch zart, schwach und zum Dienste der Erde ungeschickt sind. Das ist der Grund, warum wir durch unsere Sammlung nicht bloß der Geschichte der Poesie und Mythologie einen Dienst erweisen wollten, sondern es zugleich Absicht war, daß die Poesie selbst, die darin lebendig ist, wirke und erfreue, wen sie erfreuen kann, also auch, daß es als ein Erziehungsbuch diene. Wir suchen für ein solches nicht jene Reinheit, die durch ein ängstliches Ausscheiden dessen, was Bezug auf gewisse Zustände und Verhältnisse hat, wie sie täglich vorkommen und auf keine Weise verborgen bleiben können, erlangt wird, und wobei man zugleich in der Täuschung ist, daß das, was in einem gedruckten Buche ausführbar, es auch im wirklichen Leben sei. Wir suchen die Reinheit in der Wahrheit einer geraden, nichts Unrechtes im Rückhalt bergenden Erzählung.
Dabei haben wir jeden für das Kindesalter nicht passenden Ausdruck in dieser neuen Auflage sorgfältig gelöscht. Sollte man dennoch einzuwenden haben, daß Eltern eins und das andere in Verlegenheit setze und ihnen anstößig vorkomme, so daß sie das Buch Kindern nicht geradezu in die Hände geben wollten, so mag für einzelne Fälle die Sorge begründet sein, und sie können dann leicht eine Auswahl treffen: im ganzen, das heißt für einen gesunden Zustand, ist sie gewiß unnötig. Nichts besser kann uns verteidigen als die Natur selber, welche diese Blumen und Blätter in solcher Farbe und Gestalt hat wachsen lassen; wem sie nicht zuträglich sind nach besonderen Bedürfnissen, der kann nicht fordern, daß sie deshalb anders gefärbt und geschnitten werden sollen. Oder auch, Regen und Tau fällt als eine Wohltat für alles herab, was auf der Erde steht, wer seine Pflanzen nicht hineinzustellen getraut, weil sie zu empfindlich sind und Schaden nehmen könnten, sondern sie lieber in der Stube mit abgeschrecktem Wasser begießt, wird doch nicht verlangen, daß Regen und Tau darum ausbleiben sollen. Gedeihlich aber kann alles werden, was natürlich ist, und danach sollen wir trachten. Übrigens wissen wir kein gesundes und kräftiges Buch, welches das Volk erbaut hat, wenn wir die Bibel obenan stellen, wo solche Bedenklichkeiten nicht in ungleich größerem Maß einträten: der rechte Gebrauch aber findet nichts Böses heraus, sondern, wie ein schönes Wort sagt, ein Zeugnis unseres Herzens. Kinder deuten ohne Furcht in die Sterne, während andere, nach dem Volksglauben, die Engel damit beleidigen.
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Kassel, am 3. Julius 1819